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Letzte Änderung: 16.05.2013
(links)                                                  (Foto: Joe Kelbel)

53. Biel 100km

am 17./18.06.2011





(Bericht: Bernhard Sesterheim)

 

Die 1.000km vom Biel
 

Der geneigte Leser vermutet jetzt sicherlich einen Druckfehler, da die Laufstrecke ja „nur“ für 100 km ausgelegt ist.
Für mich persönlich ist es aber die 10. bestandene Teilnahme infolge, und ich habe somit 1.000 km in und um Biel insgesamt zurückgelegt,
wofür mir eine besondere Goldmedaille überreicht wurde. Und wie es mir bei den letzten 100 km ergangen ist? Lest weiter...


Als Jörg Kaschner und ich bei dem eine gewisse Bedeutung habendem Ort Krautergersheim, 20 km südlich von Straßburg, die links und rechts neben der Autobahn gelegenen endlos anmutenden Felder mit werdendem Sauerkraut wahrnehmen, zeigt das Thermometer meines Pkw 32°C. Man könnte meinen, wir befänden uns in der Republik Kongo, wären da nicht die riesigen Gemüseplantagen, deren Erzeugnisse einst die Engländer veranlasste, uns Deutschen fälschlicherweise den Spitznamen „the krauts“ zu geben. Denn das Sauerkraut wurde im Elsass, also in Frankreich erfunden und kommt dort sehr häufig auf den Tisch. Nachdem ich bei einer Rückreise von Biel in Colmar in einem guten Restaurant von gedünstetem Lachs auf Sauerkraut geschmacklich begeistert wurde, kommt dieses Gericht bei uns im Herbst und Winter regelmäßig auf den Speiseplan. Ja, es ist schwülheiß, die Wettervoraussager haben jedoch Starkregen angekündigt. Wie oft haben sich diese Regenankündigungen in den letzten Wochen als Falschansagen erwiesen, denke ich gerade und bereite mich mental auf einen weiteren schweren Lauf unter tropischen Bedingungen vor.

Als ich 30 km südlich von Basel erstmals das Hinweisschild „BIEL“ wahrnehme, beginnt der innere Schweinehund mit mir zu reden: “Dummkopf, Du weißt inzwischen, was Dich bei dieser Hitze dort erwartet! Du wirst die Nacht wieder stöhnen!“ Minutenlang trage ich ein ungutes Gefühl in mir, doch es gelingt mir schnell, mich durch lustige Gespräche mit meinem Gefährten Jörg abzulenken. Wir erreichen die Autobahnausfahrt Biel-Nord und biegen rechts ab, fahren ganz in der Nähe des früheren Start- und Aufenthaltsplatzes an der Eisbahn vorbei in Richtung Neuchatel.

Wehmütige nostalgische Gefühle keimen kurz auf. Nach einigen Irrungen und Wirrungen erreichen wir die Stelle in unmittelbarer Nähe des Bieler Sees, wo jetzt sich die Startnummernausgabe, das Ziel und der Campingplatz für die Teilnehmer befindet. Sofort kann ich die ersten Laufbekanntschaften begrüßen und nehme mit Freude Glückwünsche für den von mir organisierten und bei den Teilnehmern gut angekommenen 120 km langen Etappen-Landschaftslauf im Hunsrück (sh-supertrail.de) entgegen. Einige entschuldigen sich sogar dafür, dass sie sich dort nicht angemeldet hatten.

Mit Plaudern, Sprüchemachen und Prahlen über vergangene Laufabenteuer in meinem großen Bekanntenkreis vergeht die Zeit viel zu schnell. Es ist Donnerstagnachmittag und die Sonne brennt. Meine Arme und Beine sind starke Sonneneinstrahlung mittlerweile gewöhnt, aber gegenüber meinem Gesicht verhält sich die Sonne nach wie vor sehr feindselig. Für manche habe ich jetzt eine außerordentlich „gesunde Gesichtsfarbe“. Bei starken Alkoholikern sieht man leider solche Rotgesichter häufig.

Eine Stunde vor Startbeginn sind wir, Jörg Kaschner, Heinz-Peter Schüller und ich am Ausgangspunkt der bevorstehenden nächtlichen, morgendlichen (und für Heinz-Peter und mich sogar nachmittäglichen), langen Fußreise angekommen. Neben mir macht gerade ein sehr schlanker Läufer so um die 40 Jahre gänzlich ohne Socken und Schuhe Dehnübungen. Es ist derselbe, den ich vor 2 Jahren auf dem Emmedamm bei 62 km überholt hatte, und der aus vielen hundert Schnittwunden an den Füßen blutete.

Lautstark ertönt Musik und aufgekratzt und voller Tatendrang stehen die Läufer, Rennpferden mit scharrenden Hufen gleich in Startposition. Abwechselnd ertönen aus dem Lautsprecher auf Deutsch und Französisch Hinweise auf das Rennen. (Durch die Stadt Biel verläuft die deutsch-französische Sprachgrenze). Der Count Down erfolgt, das Rennen beginnt.

Gemächlich setzen wir uns im letzten Viertel der Läufermasse in Bewegung. Die Laufzeit spielt für mich überhaupt keine Rolle. Ich laufe wieder ohne Uhr, und Heinz-Peter, der jetzt zum 3. Mal versucht, das Rennen im Ziel zu Ende zu bringen, will diesmal auf mich hören. Nachdem er zweimal zuvor durch „Bisswunden des inneren Schweinehundes“ veranlasst wurde, vorzeitig aufzugeben. Jörg läuft hier das 1. Mal und hat naturgemäß großen Respekt vor der Strecke.

Dass es jetzt regnet, kommt mir sogar gelegen, kühlt es doch meine sonnenverbrannte Gesichtshaut. Diszipliniert langsam laufen wir 5 km durch die hell illuminierte Stadt, werden von einer großen Zuschauermenge wie einst in der Römerzeit als Gladiatoren bejubelt. Ich fühle mich prächtig, und bin froh, wieder hier zu sein. Wir sind an der Bieler Peripherie angekommen, dort wo es steil nach oben in Richtung  der Ortschaft Jens geht. Mit schnellen Schritten wandern wir hoch und werden von einigen überholt die den Berg hochlaufen. Sie vergeuden ihre Kräfte. Es sind halt Lernprozesse, die jeder für sich selbst machen muss.

Nach Erreichen von Jens sind 10 km überwunden und der erste Berg ist genommen. Noch immer regnet es. Aber es sind warme Tropfen, die mir noch immer gut tun, und ich halte es nicht für nötig, eine Windjacke über mein mittlerweile durchnässtes Baumwolltrikot zu ziehen. Heinz-Peter verlieren wir aus den Augen. Es ist halt schwer, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden und zu halten. Über flache und landschaftsmäßig langweilige geteerte Feldwege geht es durch die Nacht. Es regnet immer stärker und die vielen Pfützen sind bei der Dunkelheit nicht immer rechtzeitig zu erkennen. Die Schuhe und Socken sind durchweicht, was das Entstehen von Fuß- und Zehenblasen unausweichlich werden lässt. Ach, an Blasen ist noch keiner gestorben.

Die legendäre Holzbrücke von Aarberg ist nach 18 km erreicht. Und wieder sind trotz strömendem Regen zahlreiche Claqueure zugegen, die sich mit ihrem enthusiastischem Klatschen und Jubeln sicherlich mehr anstrengen als wir Läufer. Ich habe meine Kräfte gut eingeteilt, laufe in meinem Rhythmus, fühle mich ausgezeichnet und bin sehr froh, wieder an einem großen Rennen teilnehmen zu können. Denn ich habe eine längere Langlaufabstinenz, die durch eine Verletzung verursacht wurde, hinter mir. Kurze Zeit später verliere ich Jörg aus den Augen. Jetzt laufe ich alleine, habe mittlerweile meine Windjacke übergezogen, die jedoch das Wasser des Starkregens wie Zeitungspapier durchlässt. Aber noch immer ist der Regen warm. Im Gegensatz zum Vorjahr, wo ich an dieser Stelle verletzungsbedingt fürchterlich litt, beginnt jetzt mein „innerer Guthund“ ein Gespräch mit mir. Und er schmeichelt:“ Ja, Du bist mit Deinen 65 Jahren nicht alt sondern spätjugendlich, topfit und überaus klug!“ Das sind die Momente des Langstreckenlaufs, die ich so liebe und bald sind nach einer steilen Anhöhe 25 km erreicht.

Wie immer gewinnt hier der „innere Schweinehund“ die Oberhand: “Blödmann, Du lernst einfach nicht. Gerade ein Viertel der Wegstrecke hast Du jetzt hinter Dir. Macht es Dir wirklich Spaß? Genießt Du das wirklich? Ha ha, Deine Füße brennen, es regnet schon wieder stärker und es wird kälter. Du wirst diese Nacht noch sehr frieren! Dummkopf, auch noch ein baumwollenes Shirt trägst Du? Hach, das wird nicht mehr trocknen. Du wirst Dich erkälten, Du wirst Dich erkälten, Du wirst….!“ - Er ist sehr einfallsreich und phantasiebegabt, dieser Schlechthund. Und erfahrungs- und lernresistent, denn er sollte wissen, dass er mich nicht nachhaltig beeinflussen kann, zumal mir bei meiner jetzigen 10. Teilnahme eine Goldmedaille winkt.

Auf dem langen Weg nach Oberramsern, dem Ende des ersten Teilstreckenabschnittes befinde ich mich jetzt und bin sehr müde. Es regnet noch immer, und tatsächlich sind die Regentropfen kälter geworden. Roboterhaft schlürfe ich mit meinem bewährten Ultraschlappschritt voran und überhole einige Konkurrenten, werde selbst nicht mehr überholt. Und es dauert… Endlich, Oberramsern km 38 ist da. Ich genieße gleich 3 Becher heiße Bouillon und schütte noch 2 Becher Coca-Cola hinterher. Mit Freude betrete ich den Massageraum, wo mir sofort 4 weibliche Hände meine erkalteten Beine durchkneten. Diese sehr angenehme Prozedur genieße ich in vollen Zügen. Sie dauert über 10 Minuten, wobei ich den aufmerksam zuhörenden und Zwischenfragen stellenden Masseurinnen in Runner-high-Laune einiges von meinen exotischen weltweiten Laufabenteuern erzähle. Nächstes Jahr solle ich wiederkommen und weiter berichten, sagt man mir, nachdem ich von mir aus die Massage beendete. Und wieder genieße ich Momente des Glücks.

Aber…draußen ist es mittlerweile sehr viel kälter geworden. Es weht stark der Wind und ich bereue, keine Handschuhe und langen Laufhosen in meinen Rucksack gepackt zu haben. Jetzt ziehe ich meine Vliesjacke an unter die durchlässige Windjacke. Bald ist der 1. Marathon im Kasten. Und trotz der grimmigen Kälte fühle ich mich wesentlich besser als 2010 und überhole nur. Bei km 45 wird es hell und hört auf zu regnen. Jetzt lobt mich der Guthund: “Klasse, Bernhard, das was Du da machst ist einfach großartig. Du bist ein leuchtendes Vorbild für Gleichaltrige und du musst das wie gehabt weiterhin jedes Jahr tun!“

An den folgenden Verpflegungsständen trinke ich Wasser und viel Cola und mache mich mit dem Genuss von Bouillon warm. Gerne würde ich auch Salami-Stücke, wie sie bei solchen Läufen in Italien und Frankreich angeboten werden, essen. Aber außer etwas Obst wie Äpfel, Bananen (die ich gar nicht mag) und Orangenscheiben, sind nur trockenes Brot und Süßigkeiten im Verpflegungsangebot. Anscheinend lässt sich die Schweizer Rennleitung von dem dümmlichen Kaufmannsspruch „Geiz ist geil“ leiten, denn für die Startgebühr € 111,00 sollte man mehr erwarten können.

Am 50km-Schild angekommen, lasse ich wie immer ein lautes Hurra ertönen und noch immer geht es mir sehr gut. Das 2. Teilstreckenende km 56 in Kirchberg erreiche ich vollkommen problemlos. Ganz anders als letztes Jahr, als ich verletzungsbedingt und von Dauerschmerzen geplagt ankam, und einem über 70-Jährigem, der dort schon sitzend pausierte, mitteilte, dass ich so spät da noch nie angekommen wäre. Und sofort musste ich hören: „Na, der Allerjüngste bist Du wohl auch nicht mehr! Sei froh, dass Du überhaupt noch so gut laufen kannst!“

Nun erscheint Heinz-Peter: „Ja , ich habe mich soeben massieren lassen, und mir geht es sehr gut! Lasst uns zusammen laufen. Es ist hell und wir können uns, wie bei der nächtlichen Dunkelheit geschehen nicht mehr aus den Augen verlieren!“ Mir ist es Recht. Nach Beendigung einer 20 Minuten dauernden Pause begeben wir uns auf den weiteren Weg. Wir laufen durch das Industriegebiet von Kirchberg und gelangen auf den sogenannten "Ho-Chi-Minh-Pfad" (=Emmedamm). Er stellt eine leicht zu laufende und ebene Trailstrecke von 12 km dar, der im dichten Laubwald am Fluss Emme entlangführt.

Sehr wohl fühle ich mich und stelle wieder mal fest, dass Waldläufe auf Naturwegen für mich viel attraktiver sind als Straßenläufe in bebauten Gebieten. Schließlich erreichen wir den Emmedamm, einen endlos erscheinenden Teerweg. Und weiter geht's mit schlürfendem Schritt unter einem wolkenverhangenen Himmel. Es regnet zurzeit nicht. Unweit vom Damm hören wir das Abfeuern von Sturmgewehren. Es hört sich an, als kämen wir in die Nähe einer Front. Aber es sind nur Schießübungen, die die wehrhaften Schweizer an Samstagen immer betreiben.

Schon über eine halbe Stunde verspüre ich starke Schmerzen über meinem Gesäß und zwar dort, wo der Rucksack aufliegt. Durch das nicht trocken werdende Baumwollshirt hat der Rucksack meinen Rücken blutwund gescheuert. Glücklicherweise gibt es neben der nächsten Verpflegungsstelle einen Samariter-Platz. (Samariter ist das schweizerische Wort für Sanitäter). Sie haben etliche Patienten, die sie gerade behandeln. Ich muss warten. Nach 15 Minuten wird mir dann fachgerecht die Wunde eingesalbt und mit einem breiten Wundpflaster überklebt. Ach wie gut, die Schmerzen sind weg!

Frohgemut laufe ich weiter und werde von einem Läufer mit Fahrradbegleitung überholt. Und was muss ich sehen? Der Radfahrende trägt eine Startnummer und der Nebenherlaufende bewegt sich in Straßenschuhen. Auf meinen Zuruf: “Das ist aber nicht fair!“ bekommen ich nur ein Lachen vom Nebenherlaufenden zu hören. Ich kann mir vorstellen, dass dies nicht die Einzigen sind, die auf solch dreiste Weise betrügen. Wäre ich der Veranstalter der Bieler Lauftage, eine Fahrradbegleitung würde es nicht geben. Warum auch? Es gibt in dichter Folge Verpflegungsplätze. Immer wieder behindern Fahrradbegleiter andere Läufer und provozieren wie hier manche zum Betrug.

Ich erreiche Gerlafingen. Von nun an verläuft die große 100 km- Runde zurück nach Biel zum Ausgangspunkt. Kurz danach ist das 70-km Schild erreicht und ich hole Heinz-Peter wieder ein, der durch meinen Zwangsaufenthalt im Samariterzelt mir gegenüber Zeit gewonnen hatte. Unter dunklem wolkenverhangenen Himmel weht uns ein scharfer, kalter Wind entgegen. Wieder beginnt es zu regnen. Jetzt aber so wie vom Wetterdienst angekündigt, sehr heftig und sehr kaltwasserig. Mühevoll und schweigsam laufen wir hintereinander her. Die Straße ist kerzengerade und endlos. Eigentlich hätte der Schweinehund jetzt wieder eine ideale Gelegenheit für einen erneuten Auftritt. Ich lasse ihn nicht an mich heran, denn ich denke intensiv an vorangegangene Lauffreude eintrübende Hitzeerlebnisse. Auch meinem Gesichtssonnenbrand tut dieser „Segen-Regen“ gut.

Endlich kommt Biebern in Sicht. 76 km sind geschafft und es ist das Ende des 3. Teilstückes, das gewertet wird. Schnell ergreife ich mir am Verpflegungsstand einige Orangescheiben, die ich genussvoll esse, hoffend, durch die Einnahme dieser Vitamin-C-Gaben von Erkältungserscheinungen verschont zu bleiben. Gegenüber der Straße ist in einer Scheune eine Massagestation mit Bänken und Wolldecken untergebracht. Auf den Bänken sitzen einige Läufer, für die hier Endstation ist und die auf den Bus warten, der sie nach Biel zurückbringt.

Mit einem lautstarken NEIN beantworte ich die Frage einer Samariterin, ob ich auch abbrechen will. Es sind ja nur noch 24 km, ein läppischer Halbmarathon, eine Kurzstrecke also. Und ich bemühe mich sehr, an das von mir soeben Hinausposaunte zu glauben. Heinz-Peter und ich bekommen zum Zwecke der Körperentkühlung jeweils 2 Wolldecken, eine für die Beine und eine für den Oberkörper. Auch heißer Kaffee wird serviert. In meiner Wahrnehmung hat sich die Sanitäterin in einen Engel verwandelt. Schließlich erfahren meine Beine auch noch eine sehr wohltuende Massage. Die alte Scheune ist zum Paradies geworden, und ich möchte für immer hier verweilen.

Mittlerweile sind wir schon eine halbe Stunde hier. Der Wolkenbruch hat noch immer nicht sein Ende gefunden. Viele Läufer sehen wir am Stand an der gegenüberliegenden Straßenseite  Getränke aufnehmen und ohne Pause weiterlaufen. Jetzt entdecke ich eine mir bekannte unverwechselbare Gestalt. Ein Bayer würde sagen, dass es ein gestandnes Mannsbild ist. Mein Lauffreund Frank-Ulrich Etzrodt, den ich nur gut gelaunt kenne. Aber von guter Laune ist diesmal keine Spur zu sehen. Auf mein lautstarkes Zurufen kommt er in die Scheune, seine Füße in Sandalen. Die Schuhe hatte er bei km 56 in Kirchberg abgegeben. Ganz, ganz schlimme Blasen plagen ihn. Und in der Tat, als die Sanitäterin ihm die Strümpfe auszieht, kann man gigantische Hautwölbungen erkennen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht lässt der sonst immer strahlende Uli seine Verwundung behandeln.

Mindestens eine Dreiviertelstunde sitzen Heinz-Peter und ich in der trockenen Scheuer, auf ein Ende der vom Himmel fallenden Wassermassen hoffend. Aber es regnet weiter stark. Für die Natur und Landwirtschaft ist es gut, denn diese Gegend hatte die gleiche diesjährige Frühjahrstrockenheit zu ertragen wie die unsrige in Süd-West-Deutschland. Weiter geht es, Uli in Führung und er verkündet, dass er die steile Anhöhe, die jetzt kommt und die er wie ich sonst immer gegangen war, jetzt joggend nehmen will, um der Körperkälte durch Schaffung von Eigenwärme zu entfliehen. Fest stapft er mit seinen Sandalen auf, und wir folgen ihm nach. Tatsächlich es nützt. Die schlimme Nasskälte lässt sich durch diese Vorgehensweise leichter ertragen. Ganz bis zur Bergspitze schaffen wir es nicht. Wir müssen einige hundert Meter gehen, da der Körper kreislaufbedingte Warnsignale sendet.

Durch einen Wald führt die Straße jetzt, ziemlich steil nach untern. Wir laufen mit verhaltenen Schritten. In Arch nach 80 km ist wieder eine VP, wo Heinz-Peter und ich wieder Bouillon trinkend in einem Zelt eine Kurzrast einlegen. Uli läuft ohne eine Pause zu machen weiter. Wir verlieren ihn aus den Augen.

Unter einem Tunnel queren wir die Autobahn und sind nun an der Aare angelangt. Ein Fluss, an dem wir bis zum Ziel weiterlaufen werden, denn die Laufstrecke wurde geändert. Die Gegend ist flach und wird intensiv landwirtschaftlich genutzt, somit für die Augen und das Gemüt reizarm. Der Regen wird schwächer, der kalte Wind ist weg und überhaupt, es ist viel wärmer geworden. Endlich hört der Regen ganz auf. Beim nächsten Verpflegungspunkt in Büren unweit einer malerischen Holzbrücke, die über die Aare führt bestellen wir uns in einem Wirtshaus heißen Kaffee. Es dauert, bis er serviert wird. Als ich bezahlen will, muss ich hören, dass Euros nicht angenommen werden. Verständnislos schaut mich die Kellnerin an, als ich behaupte, dass der Euro die Weltwährung sei, und ein Schweizer Laufkollege, der ebenfalls pausiert, lacht laut auf. Puh, es scheint tatsächlich, als wäre das Vertrauen in den Euro erschüttert, was sich auch bei dem gegenwärtig sehr schlechten Umrechnungskurs bemerkbar macht.

Der heiße Kaffee hat wieder gut getan, positive Gedanken übernehmen wieder die Oberhand und ich freue mich, nicht wieder bei tropische Hitze wie die Jahre zuvor an dieser schrecklichen Landschaftsgärtnerei am gegenüber liegenden Ufer der Aare vorbeilaufen zu müssen. Auf einer Straße unmittelbar am Fluss geht’s vorbei. Das heißt ich gehe schnell, und Heinz-Peter läuft hinter mir her, da er körpermäßig kleiner ist als ich. Mehrere teils wankende Läufer und Geher überholen wir. Aber es sind nur noch wenige auf der Strecke zu sehen, da ein viel größerer Teil als sonst durch den Höllenregen entnervt aufgegeben hat.

Endlich ist das Schild km 90 da. Und eine gefühlt unendliche Zeit dauert es noch bis km 90, wo sich die letzte VP befindet. Mittlerweile habe ich Geschmack an Orangescheiben gefunden und lange kräftig zu. Durst habe ich keinen mehr und trotzdem schütte ich noch 2 Becher Cola aus müdigkeitsverhinderten Beweggründen in mich hinein. Von nun an wird bei jedem einzelnen km ein betreffendes Schild zu sehen sein. Und es dauert... Die km ziehen sich. Bei km 98 kommt uns Freund Jörg entgegen und wird uns bis kurz vor’s Ziel begleiten. Er litt stark unter der nassen Kälte. Als er bei km 38 in Oberramssern den Bus sah, biss ihm der Innere Schweinehund in den Hintern und er flüchtete hinein.

Km 99 kommt und ergreift die Vorfreude des Zieleinlauftriumphs. Nach einigen Minuten sind wir auf dem blauen Teppich, reißen die Hände hoch und marschieren gehobenen Hauptes durch den Triumphbogen. Ich erlebe das jetzt in Biel schon das 10. Mal und bin wieder genau so ergriffen und glücklich wie die Jahre zuvor.

Im Gegensatz zum vergangenen Jahr konnte ich die Strecke völlig verletzungsfrei bewältigen. Während ich das schreibe, muss ich an ein letztjähriges Erlebnis bei einem praktischen Arzt denken, den ich aufsuchte, um mir den steckengebliebenen Kopf einer Zecke an einem meiner Beine entfernen zu lassen. Ich hatte das Finisher-Shirt von Biel getragen, und als ich ihn nebenbei fragte, ob das leichte Ziehen in einem meiner Knien eine Arthrose sein könnte, sagte er: “Ich sehe gerade auf dem Bildschirm, dass Sie 1945 geboren wurden, Sie also noch in diesem Jahr 65 Jahre alt werden. Ich bin 42 Jahre alt und habe bereits Arthrosen. Natürlich ist eine Arthrose, warum soll es denn keine sein?“ Auf mein Finisher-Shirt schauend, ereiferte er sich weiter: „Bilden Sie sich bloß nicht ein, dass Sie mit Ihrem Supersport unsterblich sind! Sie werden auch sterben!“ Ich meinerseits betrachtete seinen 42-jährigen, nicht an Unterernährung leidenden Körper, mit dem er bei den Trierer Antikenfestspielen sehr überzeugend den Weingott Bacchus darstellen könnte und bemühte mich, ernst dreinzuschauen.  

Grüezi, Bernhard


Infos:
www.100km.ch  (Finisher: 1.052 davon 15% Frauen)


Links:

Biel 2011: Bildbericht von Susan Biel 2010: Gedanken von Manfred
Biel 2010: Bildbericht von Heike  

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